Fritjof Bergmann,  Urbane Gärten,  Wandelgarten

Transition — den Wandel gestalten

Neue Arbeit Neue Kultur Bergische Region e.V. hat sich im Frühjahr 2011 mit einem Beitrag am Ideenwettbewerb zur zukünftigen Nutzung des Wuppertaler Schauspielhauses beteiligt:
Das Schauspielhaus Wuppertal befindet sich in einer Phase des Übergangs hin zu einer vermutlich neuen und anderen, bisher noch unbekannten Nutzung. Ebenso befindet sich unsere gesamte Gesellschaft in einer Phase des Übergangs hin zu einer postfossilen Gesellschaft. Wie diese aussehen wird und wie wir diesen Übergang bewerkstelligen, wissen wir noch nicht. Wir wissen nur, dass die fossilen Energieträger, allen voran das Erdöl, bald zu Ende gehen werden und dass wir unseren CO2-Ausstoß drastisch reduzieren müssen. Das bedeutet, wir müssen neue Wege finden, ein gutes Leben in unserer hochentwickelten Gesellschaft aufrecht zu erhalten.
Das Garten-Team des Vereins Neue Arbeit — Neue Kultur Bergische Region e.V. entwickelt Projekte im Themenfeld urbanes Gärtnern. Dabei wird ein weiter Bogen gespannt von Gemeinschaftsgärten zur Selbstversorgung, über Anleihen beim Guerilla Gardening bis hin zu Gartenkunstinstallationen am Wuppertaler Schauspielhaus. Die Initiatoren wollen den gedanklichen Ansatz des Philosophen Frithjof Bergmann, dass Wachstumszwänge abgebaut werden können, wenn gemeinsames Arbeiten selbstbestimmter organisiert und stärker auf die Selbstversorgung und regionale Kreisläufe ausgerichtet wird, in der Praxis erproben. Ziel ist also, einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess einzuleiten, der das Augenmerk der Bürger auf den Aspekt der gemeinschaftlich organisierten Selbstversorgung bzw. Eigenerzeugung als wesentlichen Baustein einer nachhaltigen Lebensweise richtet. Diese Gartenprojekte sollen gesellschaftliche Lernorte sein, die potentiell über die ganze Stadt verteilt sein können.
Der Verein Neue Arbeit — Neue Kultur Bergische Region e.V. schlägt vor, die Phase des Nutzungsübergangs und der Perspektiventwicklung für das Schauspielhaus mit der Suche nach Wegen in die postfossile Gesellschaft (Transition) zu verbinden und daraus eine metapherngleiche, temporäre Nutzung zu entwickeln.
Das Gartenteam sieht sich als ein möglicher Partner, der das entstehende Nutzungsvakuum mit kreativen Nutzungsideen rund um urbanes Gärtnern, Selbstversorgung und Gartenkunst mit Veranstaltungen und Installationen ausfüllen könnte. Die einzigartige Architektur des Hauses, die zwei in japanischem Stil gehaltenen Gartenhöfe, die Wasserbecken und Wasserfontänen, die Dachterrasse und der große vorgelagerte, meist ungenutzten Stadtplatz eignen sich in idealer Weise für gartenkulturelle Inszenierungen verschiedenster Art. Die Tradition dieses Ortes verweist auf die Bedeutung und Verantwortung der Kunst für die Gestaltung eines vorwärtsgewandten, lebendigen Gemeinwesens. Bergmanns Konzept der Neuen Arbeit Neuen Kultur wird durch die Verbindung von urbanem Garten und Kunst sichtbar und erlebbar. So entsteht ein konstruktiver Dialog, von dem sowohl die Kunst als auch die Entwicklung einer nachhaltigen Lebensweise profitieren können. Kunst entfaltet ihre gestaltende Kraft und wird zum Medium der Erforschung, des Erkennens und des Wandels der Welt.
Denkbar wäre die Entwicklung eines Festivals für Nachhaltigkeit und Kunst nach dem Vorbild des Seven Thousand Oaks Festivals in Melbourne. “Transition 011” könnte ein Ort der Kontemplation sein, an dem Künstler ungelöste gesellschaftliche Probleme z.B. mit Bezug auf Konsum, Politik, Umwelt und Stadt bearbeiten. Welche Qualitäten können wir individuell und kollektiv durch ein neues selbstbestimmteres Arbeitsregime entwickeln? Unter welchen Bedingungen sollen unsere Nahrungsmittel produziert werden? Wie können die Wuppertaler die in ihrer schrumpfenden Stadt entstehenden Nischen für ein besseres Leben in dieser Stadt im wahrsten Sinne des Wortes fruchtbar machen?
Die brasilianische Stadt Curitiba installierte bereits in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen “Think-Tank” zur Lösung der für Brasilien typischen Probleme wie Verschuldung, sozialer Notstand, Umweltverschmutzung usw. Die von ihm zu entwickelnden Lösungen mussten nur zwei Eigenschaften haben: sie mussten das jeweils gegebene Problem lösen und wirtschaftlich sein. Das Ergebnis war, dass etliche Projekte sehr profitabel waren, statt staatliche Zuschüsse zu benötigen. So entstand beispielsweise eine Initiative zum Bau einer preiswerten Oper aus Glas sowie eine zeichensetzende Ökosiedlung am Rande der Stadt. Die Stadt ist aufgeblüht, weil sie ihre Bürger als wertvolle Ressource, als Erbauer der Zukunft behandelt hat und gilt heute als Musterbeispiel ökosozialen Wandels. Nicht zentrale Planung, sondern eine weitsichtige, pragmatische Führung mit integrativen Gestaltungsprozessen hat diesen Erfolg möglich gemacht. Eine starke Beteiligung der Öffentlichkeit und der Geschäftswelt sowie von allen getragene Visionen jenseits von Parteilichkeit waren die Grundlagen dafür. Ein Transition-Think-Tank im Schauspielhaus Wuppertal könnte in unserer Stadt einen ähnlichen Erneuerungsprozess einleiten.
Dies sind nur einige Beispiele für die temporäre Nutzung des Schauspielhauses unter dem Motto “Transition”, die sich aus einem Kaleidoskop verschiedenster Veranstaltungen und Nutzungen zusammensetzen sollte. Viele Akteure aus unserer Stadt und von außerhalb könnten sich mit ihren Interessen und Kompetenzen einbringen, um den Schauplatz Schauspielhaus zu einem lebendigen Ort des Wandels zu machen.
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